
Die Frankfurter Band Breitenbach hat ein barrierefreies Musikvideo gedreht. „Waiting“ heißt der Song, bei dem Gebärdenkünstler den Text interpretieren.
Bässe in Bewegung – Von Anna Pataczek
Wenn Toby, Pogo und Robby zu einem Konzertauftritt durch halb Deutschland touren, dann läuft auf der langen Fahrt meistens früher oder später ein Lied von Herbert Grönemeyer im Radio, bei dem sich die Rockband immer wundern muss: „Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist / wenn der Boden unter den Füßen bebt / dann vergisst sie, dass sie taub ist.“ Der Song ist von 1983. „Und es ist doch komisch, dass seitdem niemanden darauf angesprungen ist“, findet Toby Brei- tenbach, der Bandleader. Dass niemand auf diese eine Idee kam, vor ihnen.
Die Frankfurter Band Breiten- bach hat ein barrierefreies Musikvideo gedreht – das erste in Deutschland. „Waiting“ heißt der Song, im Clip sind nicht nur die Musiker zu sehen sondern auch vier gehörlose Gebärdenkünstler. Sie interpretieren den Text, den Toby Breitenbach singt.
Auf den ersten Blick ist es ein Musikvideo in typischer MTV- Optik: Die Band spielt vor grellen Lichterwänden. Die Haare fliegen im Wind, der Schlagzeuger schmeißt sich nach vorne und nach hinten. Tattoos blitzen auf. Eine Hand am Griffbrett. Schein- werfer. Wer aber genau hinschaut, sieht die zwei grauen Punkte in den unteren Ecken, das sind die sogenannten Beat-Punkte. Sie geben den 4/4-Takt an. Am oberen Bildrand gibt es eine Leiste für Gitarre, Bass und Schlagzeug. Hüpfende Säulen – die „Soundbars“ – visualisieren die Lautstärke der einzelnen Instrumente.
Auf die Idee zu dem Video kam Max Heidenfelder. Er war damals am Ende seines Film-Studiums und auf der Suche nach einem Abschlussprojekt. Ein Musikvideo sollte es werden, das war klar. Gemeinsam mit der Band Breitenbach suchte er sich die schnelle Nummer „Waiting“ aus. Als er über die Umsetzung nachdachte, fragte er sich: Wie kann man eigentlich Musik verbildlichen, nicht nur den Inhalt des Textes? So stieß Heidenfelder auf die Gebärdensprache. In den USA gebe es bereits ein paar Videos dazu, sagt er, aber das seien meist Gehörlose, die vor ihrem heimischen Computer zur Musik aus den Boxen gebärden.
Heidenfelder wollte es professioneller, moderner. „Es war ein Abenteuer“, sagt Band-Leader Toby, 32. Er hat bereits als Gitarrist in Japan und Korea gearbeitet, war in viele Studio- und Bandprojekte involviert. Doch nun kam et- was völlig Neues in seiner Musikerkarriere dazu: Er und seine Bandmitglieder lernten einige Liedzeilen in Gebärdensprache. Dem Regisseur Heidenfelder war das wichtig. „Ich wollte, dass man gar nicht richtig erkennen kann, wer hier wer ist. Es sollte keine Unterschiede geben.“ Toby, Pogo und Robby halten Zeigefinger und Daumen auf die Brust gerichtet, während die andere Hand herbeiwinkt: „Just keep waiting“, heißt das.
Warten musste auch Max Heidenfelder. Er hatte es sich nicht so schwer vorgestellt, Experten für dieses Projekt zu gewinnen, die ihm das nötige Wissen beibringen und im Video auftreten wollten. Er stieß bei Gehörlosen anfangs auf viel Skepsis. „Ich glaube, sie hatten Angst für unsere Zwecke ausgenutzt zu werden.“ Es hatte sich doch sonst noch niemand für ihre Belange interessiert.
Heidenfelder traf dann auf die junge Filmproduzentin und Journalistin Anna-Lilja Häfele aus Hamburg. Sie kann hören, beherrscht aber die Gebärdensprache und hat sich in diesem Bereich spezialisiert. Mit ihr castete Heidenfelder die vier „Performer“, wie er sie nennt. Es sind junge Männer und Frauen, die mit ihrem ganzen Körper die harten Gitarrenriffs und treibenden Bässe um- setzen. Ihre Gesten sind expressiv, rockig eben.
Von Skepsis ist inzwischen keine Spur mehr. Das Video läuft in der Ausstellung „Dialog im Stillen“ im Museum für Kommunikation in Frankfurt. Die Band wird von Gehörlosen-Verbänden für Konzerte angefragt, vier Mal hat sie bereits mit einem der Dolmetscher aus dem Clip auf der Bühne gestanden. Beim ersten Mal hat- ten die Jungs von Breitenbach gar keinen Merchandising-Stand aufgebaut – und waren am Ende sehr überrascht, als etliche aus dem Publikum nach einer CD fragten.
Das Video zu „Waiting“ wurde bereits fast 46 000 Mal auf You-
tube angeklickt. Die Kommentare geben den Musikern und dem Filmemacher recht: „Unglaublich. Ihr habt echt das Unmögliche geschafft“, schreibt DitaDaisy. Und RenaChan393 findet: „Großartig. Ich habe viele Gehörlose in mei- ner Familie. Werde es gleich mor- gen meiner Mutter zeigen. Ich wünsche mir viel mehr davon.“ Ignorama kommentiert: „Ich bekomm’ Gänsehaut, wenn ich das hör und sehe.“
Max Heidenfelder kennt dieses Gefühl. Er hatte das Video zum Test in einem Zentrum für Gehörlose vorgeführt. Er beobachtete die Zuschauer, dann fiel der Blick auf ihre Fußspitzen. Sie wippten. „Das hat mich wirklich überwältigt.“ Es war das Zeichen: Das Video funktioniert.
Heidenfelder musste filmerisch dazu lernen. Er wollte schnelle Schnitte, ungewöhnliche Perspektiven. Doch schnell war klar: Wenn der Text verständlich sein soll, dann fallen verschiedene Einstellungen flach. „Manchmal kommt es bei einer Gebärde ja auf ganz kleine Details an, auf irgendeine Fingerspitze“, erklärt der junge Regisseur. „Die kann ich dann natürlich nicht abschneiden.“
Heidenfelder und die Band wünschen sich, dass ihr Projekt viele Nachahmer findet. Sie wollen jedenfalls nachlegen. Warum er sich denn auf eine Randgruppe spezialisiere, wurde Heidenfelder schon mal gefragt. Das kann er nicht ver- stehen und antwortet dann: „Ich mache doch nichts für Randgruppen, ich mache etwas für alle.“






